C’est toute ma vie // David Foenkinos‘ „Charlotte“

Dann fing ich an, mir Notizen zu machen.
Notizen über Notizen. […]
Ich saß immer da und wollte dieses Buch schreiben.
Aber wie?
Durfte ich selbst darin vorkommen?
Konnte ich aus Charlottes Geschichte einen Roman machen?
Welche Form sollte das Ganze haben?
Ich schrieb, löschte, kapitulierte.
Ich brachte keine zwei Zeilen zu Papier.
David Foenkinos – Charlotte

Glücklicherweise ist es Foenkinos letztendlich doch gelungen, dieses Schriftstück über Charlotte Salomon – Künstlerin, Verliebte, Jüdin, gebrochene Seele – fertigzustellen. Es ist großartig, auf seine Weise.

Charlotte von David Foenkinos

Cover via Randomhouse

Die ersten Seiten wirken eigentümlich, weil (im ganzen Buch) kaum ein Satz über eine Zeile hinaus geht. Der Textausschnitt oben vermittelt da einen recht guten Eindruck. Es wirkt ganz so, als hätte der Autor sich entschlossen, seine Notizen zusammenzufügen und mit Gedanken und Fragen anzufüllen. Genau das sorgt aber dafür, dass man förmlich über die Seiten fliegt und sich schnell im Text verliert. Und irgendwie schafft das auch einen Ausgleich zur oftmals traurigen Wirklichkeit, die da erzählt wird.

Foenkinos begibt sich auf die Spuren von Charlotte Salomon, die 1917 in Berlin in eine Familie geboren wurde, der ein mythologisch anmutender Fluch anzuhaften scheint. Zahlreiche Familienmitglieder, unter anderem Charlottes Mutter, waren depressiv und stürzten sich schließlich in den Tod. Doch das ist nicht der einzige Schatten, der auf ihr liegt, denn sie ist Jüdin in einer Zeit, in der das immer bedrohlicher wird. Sie bringt einige Monate auf einer Kunsthochschule, an der ihr Talent erkannt wird, aber nicht gewürdigt werden kann. 1939 flieht sie schließlich nach frankreich und lässt ihre Eltern und Alfred zurück – diese aufkeimende Liebe zum Gesangslehrer ihrer Stiefmutter lässt sie ihr Leben lang nicht los. Doch auch in Frankreich wird die Situation unsicherer und Charlotte entkommt dem Tod mehr als einmal. In ihren letzten Jahren, isoliert von den Eltern und immer dem Abgrund nahe, arbeitet sie wie eine Getriebene an ihrem Lebenswerk „Leben? Oder Theater?“. Sie übergibt ihr Werk schließlich einem Freund mit den Worten „C’est toute ma vie“ – Das ist mein ganzes Leben. Wenige Monate später werden Sie und ihr Ehemann verraten – Charlotte Salomon wird im Alter von 26 Jahren, schwanger, in Auschwitz ermordet.

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Unendlich traurig, lässt mich diese Geschichte einfach nur sprachlos und gedankenschwanger zurück. Obwohl man aus diesem Leben einen ausführlichen Roman hätte machen können, empfinde ich die Form, die Foenkinos gefunden hat, als genau richtig. Charlotte steht im Mittelpunkt, genauso aber die Umstände, unter denen Sie aufgewachsen ist und ihr Werk schafft. Das Judentum oder die Kunst sind unabdingbar, dennoch drängen sie sich nie in den Vordergrund. Die Einschübe über die Spurensuche und die Auseinandersetzung des Autors mit Charlotte Salomon werfen schließlich nicht nur einen Blick auf die Hintergründe, sondern zeigen auch auf, dass es an dieser Frau noch so einiges zu entschlüsseln und entdecken gibt.

Zum Beispiel ihr Werk „Leben? Oder Theater?“.
Die Zeit hat das in einem Artikel zum Buch ganz schön geschrieben: „Wer von dem Roman „Charlotte“ in den Bann gezogen wurde, will sofort die Bilder der Künstlerin sehen – und damit erweist ihr der Autor den größten Liebesdienst.“ (via) So ist es. Ich hab mir das Ganze schon in der Bibo bestellt, die Print-Ausgabe gibt es nämlich längst nicht mehr. Digital gibt es das gesamte Werk hier zu sehen.

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About Lisa

Lisa, Jahrgang '91, Dresden. Mag Kunst, Lomographie und alles mögliche Kreative.

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