Shirley – Visionen der Realität

Nachdem ich nun lange Zeit nicht im Kino war, war ich in den letzten Tagen direkt zwei Mal. Shirley – Visionen der Realität wollte ich mir – nachdem es ohnehin in nur einem Kino in Dresden läuft und es in dieser Woche auch nur noch einen einzigen Termin gab – unbedingt noch anschauen, weil ich die Bilder von Edward Hopper mag und ich gespannt war, wie man den „Maler Edward Hopper in 13 Bildern“ zu einem Film zusammenbekommt.

Zu Beginn, für die Einsteiger und nicht so kunstaffinen unter euch: Edward Hopper müsste eigentlich jeder von euch kennen. Wenn auch nicht namentlich, so könnte euch das Werk Nighthawks geläufig sein, dass sicherlich millionenfach auf irgendwelche Poster gedruckt wurde, sei es im Original oder in anderen Varianten.
Wer öfter mal bei Ikea unterwegs ist, kennt vielleicht auch diese Leuchtturm-Ansicht von Portland Head.

Ich hatte eigentlich kaum Erwartungen an den Film, weil ich mir eine Umsetzung, in der Bilder „zum Leben erweckt“ werden, einfach schwer vorstellen konnte. Besonders beeindruckt hat mich der Film aber zunächst nicht.

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Er handelt – logischerweise – von Shirley, einer Frau, die man in 13 Episoden chronologisch durch ausgewählte Jahre der 1930er bis 1960er begleitet. Jede dieser Episoden beginnt mit internationalen Hörfunknachrichten am 28. August eines Jahres und führt dem Zuschauer anschließend eine Szene vor Augen, in denen Hoppers Bilder „laufen lernen“, wie es in den Medien so schön genannt wird.
Man nimmt Anteil an Shirleys Gedanken über ihre Beziehung zu einem Journalisten, dem Zeitgeschehen, Philosophie und folgt ihr auf ihrem Weg durch zahlreiche Jobs, wenngleich ihre eigentliche Passion das Theater ist, das sie schließlich auch nach Europa führt.

Der Film ist sehr leise und langsam, was vielleicht in der Machart begründet ist. Es gibt eben nur diese 13 Ansichten. Die Kamera verlässt nie den vorgegebenen Rahmen, geht höchstens noch näher heran an Shirley. Trotz dessen, dass die Figuren (die selbst wie Requisiten – spießig und wie geleckt – aussehen) die Szenerie beleben, wirkt alles starr. Die Proportionen stimmen irgendwie nicht, die Sessel wirken hart und wie aus Pappmaché, die Häuser wie Theaterkulissen. Das Einzige, was dem Ganzen einen natürlichen Touch gibt, ist das Licht, das der Regisseur in einem Interview (hier nachzulesen, sehr spannend!) als weiteren Hauptdarsteller neben den nicht mal zehn Figuren bezeichnete.

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Es ist eine Tatsache, dass man im Traum die Sonne nie sieht, obwohl man sich eines weit entfernten Lichtes bewusst ist.

Man könnte wahrscheinlich noch ewig über diesen Film nachdenken.
Allein der Titel weist schon auf die Auseinandersetzung mit der Wahrnehmung, Realität und Fiktion hin und die Requisiten, wie ich sie oben beschrieben habe, sollen vermutlich genau so sein, um das zu unterstützen. Darüberhinaus gibt es unzählige Bezüge, sei es zu den geschichtlichen Ereignissen, den gezeigten Filmen, der gespielten Musik, den von Shirley gelesenen Büchern. Eine Fundgrube für alle Kunsthistoriker, Wahrnehmungsphilosophen und Geschichtsfreaks.
Mir gefallen aber einfach nur die Bilder. Der Film ist eindeutig kein Kassenschlager und wahrscheinlich für die wenigsten Menschen, die ich kenne, sehenswert. Aber seien wir mal ehrlich: 13 Kunstwerke in einen Film zu pressen und eine Story herum zu spinnen, die nicht nur zu der Aura von Hoppers Bildern* passt, sondern auch noch ein Stück amerikanische Geschichte aufnimmt? Das ist eine Leistung und dem Regisseur hier doch ziemlich gut gelungen.

* Allen, die den Film sehen (wollen), empfehle ich, anschließend das Kapitel Themen zu lesen, das bei Wikipedia zu Edward Hopper zu finden ist. Da findet sich schon ziemlich viel im Film wieder.

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About Lisa

Lisa, Jahrgang '91, Dresden. Mag Kunst, Lomographie und alles mögliche Kreative.

4 responses to “Shirley – Visionen der Realität”

  1. preachitbaby says :

    Das klingt sehr interessant. Habe ich es richtig verstanden, dass außer der 13 Bilder nichts gezeigt wird? Also keine durch die Stadt spazierende Shirley mit Freund zB?

    • Lisa says :

      Es sind tatsächlich nur diese 13 (gezählt habe ich nicht, aber so steht es auf dem Plakat :D) Szenen. Der Bildausschnitt ist festgeleht und alles spielt sich innerhalb des Rahmens ab. Das heißt die Figuren gehen rein oder raus und bewegen sich darin, aber die Kamera geht nie mit den Figuren mit.

      • preachitbaby says :

        Danke für die schnelle Antwort! Ah ok, also man schaut nicht bloß ein starres Bild an und hört dazu eine Stimme aus dem Off, sondern es gibt noch andere Charaktere außer Shirley, die auftauchen. Ach, ich finde das super spannend! Muss ich mir unbedingt ansehen!

      • Lisa says :

        Wirklich gesprochen wird sehr wenig, da es neben Shirley nur ein paar wenige Charaktere gibt. Es überwiegt also schon die innere Stimme von Shirley. Man muss sich schon dafür interessieren, sonst ist man glaube ich enttäuscht, aber spannend umgesetzt ist es auf jeden Fall!

Ein Kommentar, juhu!

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